Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung
Thomas Hürlimann - Literaturpreisträger 1997 - Ansprache zur Preisverleihung
Sehr geehrter Herr Hürlimann,
sehr verehrter Herr Professor Everding,
lieber Herr Ministerpräsident Dr. Vogel,
meine Damen und Herren!
Die Juroren haben mit ihrer Entscheidung, Thomas Hürlimann den diesjährigen Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung zuzusprechen, wiederum eine außerordentlich glückliche Wahl getroffen, und dafür gilt ihnen mein herzlicher Dank: der Vorsitzenden, Frau Professor Dr. Birgit Lermen, Literaturwissenschaftlerin an der Universität zu Köln, Herrn Jochen Hieber, Literaturredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Herrn Dr. Sebastian Kleinschmidt, dem Chefredakteur von Sinn und Form, sodann meinem langjährigen Kollegen als Parlamentarischer Staatssekretär, Herrn Dr. Volkmar Köhler, und Herrn Prof. Dr. Helmut Kiesel, der sich aufgrund unaufschiebbarer Verpflichtungen an der Universität Heidelberg entschuldigen läßt.
Herzlich willkommen heißen darf ich auch die Mutter des Preisträgers, Marie Theres Hürlimann, und seinen Zürcher Verleger, Egon Ammann, der im Oktober 1981 mit Thomas Hürlimanns erstem Buch, der Tessinerin, seinen Verlag eröffnete.
Daß die Feierstunde hier im Weimarer Nationaltheater stattfindet, ist ein Verdienst des Generalintendanten Günther Beelitz, dem ich herzlich für seine Gastfreundschaft danke.
Danken möchte ich schließlich den Musikerinnen, die unsere Feierstunde so stimmungsvoll umrahmen. Gesa Kordes ist eine international ausgebildete und ausgezeichnete Violinistin, Altstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und derzeit Doktorandin der Musikwissenschaften; Ursula Monter hat hohe künstlerische Auszeichnungen in Deutschland und in den USA erworben und übt derzeit eine Lehrtätigkeit im Fachbereich Musik der Universität Mainz aus.
Meine Damen und Herren, Thomas Hürlimann ist ein Erzähler und Dramatiker, der nicht von Themen ausgeht, sondern von Geschichten. Er ist kein Vielschreiber, sondern ein bedachtsamer und feinsinniger Beobachter des Menschen in seiner Niedrigkeit und seiner Größe. Er wohnt in seinem Material, seine Geschichten entspringen der gründlichen und mitfühlenden Beobachtung. Die Grenzen des menschlichen Daseins fordern Hürlimann heraus. Schreibanlaß war ihm der Tod seines Bruders im Februar 1980, der in der Erzählung Die Tessinerin eindrucksvolle Spuren hinterlassen hat. Der andere Pol seines literarischen Schaffens ist die Liebe zu den Menschen, die er – etwa in den 1992 publizierten Geschichten aus der Satellitenstadt – mit konspirativer Heiterkeit und einem abgründigen Humor beschreibt, der an Gottfried Keller und an Friedrich Dürrenmatt erinnert, seine literarischen "Eidgenossen", deren Werke in seinem "Bücher- und Lebensgestell" stehen.
Thomas Hürlimann ist dem Verhängnis des Menschen auf der Spur, das sich in vielfältigen Zerfallserscheinungen in unserer Gesellschaft und Umwelt bemerkbar macht. Doch Trübsal zu blasen ist seine Sache nicht. Mit großem Geschick versucht der Erzähler, Dramatiker und auch Essayist Thomas Hürlimann immer wieder, dem Verhängnis in die Zügel zu greifen und den Menschen dazu zu bringen, in eigener Regie, aber verantwortungsvoll vor sich selbst und den anderen sein Leben zu steuern. Eben darin liegt die eminent politische Bedeutung seines Werks. Die Konrad-Adenauer-Stiftung möchte mit der Auszeichnung von Thomas Hürlimann auch andere Schriftsteller ermuntern, sich der Freiheit anzunehmen und einen lebendigen, aber auch kontroversen Dialog zu führen. Unsere freiheitliche Grundordnung bedarf der geistigen Kontroverse und der literarischen wie der politischen Kultur.
Ihnen, lieber Herr Hürlimann, gelingt es, der Freiheit in ebenso subtiler wie sympathischer Weise das Wort zu geben. Mir ist es deshalb eine große Freude und Ehre, Sie – nach Sarah Kirsch (1993), Walter Kempowski (1994), Hilde Domin (1995), Günter de Bruyn (1996) – als den fünften Träger des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung hier in Weimar zu begrüßen und auszuzeichnen. Zu dem Preis gratuliere ich Ihnen ganz herzlich.
In ihrer Selbstvorstellung vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung haben Sie gesagt, daß Sie glücklich sind, "mit dem Schreiben von kleinen Geschichten und Theaterstücken soviel Geld zu verdienen", daß Sie Ihrer "liebsten Tätigkeit" nachgehen können, dem Lesen. Ich freue mich, daß wir dazu ein wenig beitragen können – hoffe aber auch, Sie zu neuen Taten anregen zu können!
Solothurner Literaturpreis
Das Wunder der Aufklärung
"Der Berggänger steigt, seine Kraft und die Nahrung, die er im Rucksack trägt, die noch zu bewältigende Linie und einen eventuellen Wetterumschlag immer bedenkend, hinauf zum Gipfel." So setzt die Erzählung "Begegnung" in Thomas Hürlimanns fulminantem Erstling, dem Erzählband "Die Tessinerin" (1981), ein. Der Aufstieg in die Höhe, auf Aussicht hoffend, doch verbunden mit der Gewissheit, dass einen oben nur Umkehr oder Tod erwartet, ist beschwerlich. Das Gepäck drückt den Wandernden und zwingt ihn zu kurzatmigen Pausen. Der Schreibende gewährt sie ihm formal, indem er die Mühsal des Aufstiegs in stockenden Nebensätzen abbildet. Dies ist ein kleines Beispiel für die stilistische Ausdruckskraft, die dem Werk von Thomas Hürlimann innewohnt.
Sie ist Grundlage dafür, dass dieser Autor momentan zu den auffälligsten Erzählern und Dramatikern der Schweiz zählt. Die sechs Erzählungen im erwähnten Debütband, die beiden Novellen "Das Gartenhaus" (1989) und "Der Dämmerschoppen" (1991) oder das Stück "Der Gesandte" (1991) zeichnen sich durch ein dramatisches Geschick, eine sprachliche Luzidität und eine atmosphärische Stimmigkeit aus, die durch bodenständige Helvetismen zusätzlich akzentuiert wird. Der Erzähler wahrt dabei jedoch stets einen respektvollen Abstand.
Brillant und brisant
Zu dieser formalen Brillanz gesellt sich ein Zweites: die thematische Brisanz.
Hürlimann mischt sich zwar nicht mit gleichen Hartnäckigkeit wie Adolf Muschg in die öffentliche Diskussion ein. Im Gegensatz zu diesem urbanen Intellektuellen repräsentiert er eher den zurückhaltenden skeptischen "Bergler". Doch wenn er sich äussert, geschieht es nicht minder pointiert und stets differenziert. Insbesondere in der Auseinandersetzung mit der helvetischen Weltkriegsvergangenheit hat sich Hürlimann mit einigen bemerkenswerten literarischen und essayistischen Beiträgen zu Wort gemeldet.
Was dieses Engagement darüberhinaus aber auszeichnet ist die thematische Mehrschichtigkeit. Gerne spielt Hürlimann in seinem Werk mit biographischen Schlüsselreizen, die er immer wieder variiert: Die Internatszeit in Einsiedeln, die freiwillige Emigration in Berlin Kreuzberg, das langsame Sterben des Bruders, die Familie mit ihrem dominanten Oberhaupt - "mein Vater Hans Hürlimann", wie es in "Grossvater und Halbbruder" (1981) heisst. Dieses Spiel gilt es nicht zu unterschätzen, greift es doch weit über die Bespiegelung der eigenen Biographie hinaus.
Zum einen erreicht er dies durch das dichte Beziehungsnetz, zu dem sich die zentralen Leitmotive zusammenfügen. Vor allem aber durch die Offenheit der "privaten" Anspielungen. Wie kaum ein anderer versteht es Hürlimann, seinen individuellen Geschichten exemplarische Züge zu verleihen respektive "grosse" Themen in intime dramatische Konstellationen zu übersetzen. Sozial wie psychologisch sind sie eingespannt zwischen Ordnung und Zerfall.
Ordnung und Zerfall
"Ja, es waren wirklich auch glückliche Zeiten..." sagt der ominöse Doktor in der Erzählung "Begegnung"; "auch", denn der Zerfall der Ordnung, letzthin der Tod, lauert überall. Die Oberfläche der vollendeten Form verbirgt die feinen Haarrisse nicht, unter denen die existentiellen Bruchlinien und Abgründe sicht- und spürbar werden. Es waren gute Zeiten, doch nichts hat Bestand. "Das Chaos ist geordnet" munkelt der Doktor in einer anderen Erzählung. Die scheinbar friedliche, bürgerliche Ordnung kann jederzeit ihre Maske verlieren, ihr Gebäude aus Normen und Konventionen kann jederzeit auseinanderbersten.
Der Verlust der Familie, als der Zögling nach Einsiedeln ins Internat abgeschoben wurde, der Verlust des Bruders, der Verlust der gegenseitigen Zuneigung in der elterlichen Ehe markieren dieses Chaos. In verschiedensten Konstellation nimmt es Hürlimann in seinen Büchern auf und weitet es in eine soziale und politische Dimension. Zum Beispiel in dem grossartigen Stück "Der Gesandte", in dem anhand einer familiären Situation das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg reflektiert wird - dramatisch punktgenau und thematisch brisant. Genau diese Reflexion zeichnet auch Hürlimanns ersten Roman "Der grosse Kater" aus, der in den nächsten Tagen erscheinen wird. Biographie und Politik, durch seinen Bundesratsvater hautnah erlebt, werden darin auf lakonische Weise zu einer untrennbaren, aber brüchigen Einheit verschmolzen
Unter- und Überbau
In seiner Rede "Der Kosmopolit lebt im Kosmos", die er 1994 vor der Freien Akademie der Künste in Leipzig gehalten hat und die im Band "Das Holztheater" (1997) abgedruckt ist, erzählt Hürlimann eine Episode aus seiner Einsiedler Internatszeit. Um als Mitglied in einem jungenhaften "Atheistenclub" Aufnahme zu finden, war eine Mutprobe erforderlich. Deshalb kletterte der junge Hürlimann an einem Sonntag in den Dachstuhl der Kirche, in die Kuppel über dem Hochaltar, in deren Zenit sich eine kleine Öffnung befand. Durch diese Öffnung liess er ein Papierflugzeug mit einem Nietzsche-Zitat ins Kirchenschiff hinunterflattern. Fort mit dem geistlichen Hokuspokus! Eine Mutprobe, die einschlug. "Aber", fährt Hürlimann in seiner Rede fort, "ich will nicht verschweigen, dass mich hie und da ein sonderbares Heimweh überfällt ... immer öfter fehlt mir der Überbau, die schwindelerregende Kuppel, zu der ich, mal dankbar, mal wütend, aufblicken kann." - Sei es nur, liesse sich anfügen, um von hier oben ein Fanal der Aufklärung hinunter schweben zu lassen.
Die Geschichte ist symptomatisch für diesen Autor, sie beschreibt ein Zentrum, um das sein Schreiben kreist. Aufklärung und Metaphysik bedingen einander. Skepsis und Verwandlung. Es gehe, heisst es an einer anderen Stelle mit Bezug auf Nietzsche, nicht um die reine Zersetzung der Werte, weil Zersetzung gleich wieder Setzung sei, sondern um eine Umwertung, eine "Verwandlung". Sie ermöglicht gleichsam die Synthese, um aus der antithetischen und erst recht aus der monothetisch eindimensionalen Erstarrung auszubrechen. Das menschliche Wünschen erhält sich im Wandel. In ihm beweist sich das Eigene, indem es sich darin aufhebt. Der in die Höhe weisende Schirm, der auch Schutz bietet oder die Katze Eigensinn mit ihrem hochgereckten Schwanz sind Hürlimanns leitmotivische Metaphern dafür.
Eine Absage an die Aufklärung verbindet sich damit mitnichten. Vielmehr geht es um ein Sein, das seine Zerbrechlichkeit anerkennt; ein Sein, das anstatt in dunkler Gewissheit zu tappen skeptisch und eigensinnig das Licht der Aufklärung am Flackern hält. Dieses Licht gilt es immer wieder neu zu anzufachen, von allein behauptet es sich selbst nicht.
Und schon gar nicht durch Stromaggregate. "Licht Licht Licht, wohin man auch greift, aber ist das die Helle der Vernunft?", fragt Hürlimann. Seine Antwort liegt im Wünschen, im Hoffen, in der Sehnsucht nach der Verwandlung.
Beat Mazenauer
Quelle:
Beat Mazenauer: "Das Wunder der Aufklärung"